Einer von Vielen & Co-Abhängigkeit
- NAT

- 15. Sept. 2023
- 5 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 9. Apr.

Alkohol ist in Deutschland die vielleicht normalste Droge überhaupt. Er gehört zu Feiern, zum Feierabend, zu Konzerten, zum „einfach mal abschalten“. Fast neun von zehn Erwachsenen trinken zumindest gelegentlich. Gerade deshalb bleibt problematischer Konsum lange unsichtbar. Zwischen gesellschaftlich akzeptiertem Trinken und Abhängigkeit liegt oft nur eine unscharfe Grenze – und viele Geschichten beginnen genau dort, wo niemand mehr genau sagen kann, wann aus Gewohnheit eine Notwendigkeit geworden ist.
Alkoholabhängigkeit betrifft selten nur eine Person. Um jeden Alkoholiker herum stehen meist mehrere Menschen, die mittragen, auffangen, erklären, hoffen und manchmal auch zerbrechen – Partner, Kinder, Freunde, Familien. Fachleute schätzen, dass auf einen Abhängigen vier bis fünf direkt Betroffene kommen. Sucht ist deshalb nie nur eine persönliche Geschichte. Sie ist immer auch eine Geschichte von Beziehungen.
Eine Bekannte erzählt von einem Ex...
Ihr damaliger Mann war Alkoholiker. Nein, nicht das Bild, das viele im Kopf haben. Kein verwahrloster Mann auf einer Parkbank. Sondern jemand mit Ausstrahlung - tätowiert, Musiker, laut, präsent. Einer von denen, die den Raum sofort füllen, wenn sie ihn betreten. Der Alkohol gehörte zu ihm, sagte er. Zu seinem Leben. Zu seinem Stil. Wenn sie versuchte, mit ihm darüber zu sprechen, kam immer wieder derselbe Satz: Das Trinken gehöre zu seinem Lifestyle. Das lasse er sich nicht nehmen. Er sagte das nicht trotzig. Er glaubte es.
Dabei gab es durchaus Versuche aufzuhören. Entzüge. Klinikaufenthalte. Wochen ohne Alkohol. Ein/Zwei Monate schaffte er zweimal in 15 Jahren sogar. Und danach fast immer derselbe Gedanke: Vielleicht könne man irgendwann wieder normal trinken. Einmal erzählte er sogar, dass Pflegepersonal in einer Klinik gesagt habe, ab und zu ein Glas sei doch völlig in Ordnung. Vielleicht war das gut gemeint. Für jemanden mit Alkoholproblem kann so ein Satz aber eine Einladung sein. Denn die Logik der Sucht ist einfach. Eine Woche ohne Alkohol wird zur Leistung. Und Leistungen brauchen Belohnungen. Ein Glas. Dann zwei. Dann eine Flasche.
Der schöne Abend
Manchmal versuchte er, sie mitzunehmen in diese Logik. Er kochte. Stellte eine Flasche Wein auf den Tisch. Sagte, er wolle einfach einen schönen Abend mit ihr verbringen. Wenn sie nicht trinken wollte, wurde er wütend. Wenn sie ein Glas mittrank, blieb er sitzen, bis die Flasche leer war und er voll. Danach begann das Reden. Über seine Probleme. Über die Menschen, die ihn enttäuscht hatten. Über die Ungerechtigkeit seines Lebens. Alkohol war für ihn kein Genuss. Alkohol war ein Zustand.
Sie versuchte lange, ihm eine andere Perspektive zu zeigen. Erst nicht moralisch oder belehrend, sondern als Möglichkeit. Sie sprach mit ihm darüber, dass ein drogenfreies Leben nicht automatisch langweilig ist. Dass es in der Punk- und Hardcore-Szene sogar eine ganze Bewegung gibt, die genau daraus ihre Stärke zieht: Straight Edge. Kein Alkohol, keine Drogen, kein unachtsames Betrügen... Nicht als Gesetz von Außen sondern als Entscheidung für sich selbst und für alle Menschen, die einen lieb haben...
Sie sagte ihm manchmal, dass Rock ’n’ Roll nicht unbedingt Jacky-Cola bedeutet. Dass wahre Freiheit vielleicht genau das Gegenteil ist: nicht trinken zu müssen. Nicht dem Zwang zu folgen. Dass es eigentlich viel punkiger ist, sich nicht von einer Flasche kontrollieren zu lassen, als jede Nacht mit ihr zu enden.
Aber diese Perspektive erreichte ihn nicht. Für ihn war Alkohol Teil seiner Identität. Ein Leben ohne Alkohol fühlte sich für ihn nicht nach Freiheit an. Sondern nach Verlust.
Fassade
Als sie ihn kennenlernte, tat er ihr leid. Einmal hatte sie ihn morgens um sieben schwankend am Bahnhof gesehen. Jemand neben ihr sagte nur:„Der Typ ist völlig fertig.“ Ihr tat er leid. Sie glaubte, hinter der Zerstörung einen Menschen zu sehen, der eigentlich etwas anderes wollte. Er sprach oft davon. Von Familie. Von einem normalen Leben. Aber gleichzeitig fühlte er sich ständig angegriffen. Sie sah ihn anders, als er gesehen werden wollte. Nach außen der harte Typ: Tattoos, Musik, raue Attitüde. Für sie war er eher der Junge, der nie gelernt hatte wirklich, Hilfe anzunehmen und umzusetzen - weil Hilflosigkeit sein Instrument war um Aufmerksamkeit zu bekommen. Der mit über vierzig noch über die Verletzungen der Kindheit darüber sprach. Seine Verletzlichkeit konnte er kaum ertragen. Also griff er an. Alle die ihm nah kamen ob Band Kollegen, Familie, Freunde...
Selbstlüge
Alkoholismus ist nicht nur eine körperliche Abhängigkeit. Er ist auch ein Geschichtenerzähler. Viele Alkoholiker leben lange mit der Vorstellung, dass sie irgendwann wieder kontrolliert trinken können. Dass sie es diesmal im Griff haben. Dass ein Glas kein Problem ist. Diese Selbstlüge hält die Sucht am Leben.
Straight Edge vs. Trocken
In der Hardcore-Punk-Szene entstand Anfang der 1980er Jahre eine Bewegung namens Straight Edge. Der Begriff stammt aus dem Song „Straight Edge“ der Band Minor Threat. Die Idee war radikal einfach.
Kein Alkohol. Keine Drogen. Keine Selbstzerstörung. Für viele bedeutet das nicht Einschränkung, sondern Freiheit. Die Freiheit, nicht abhängig zu sein. Die Freiheit, sich nicht von einem Rausch definieren zu lassen.
Der entscheidende Unterschied liegt im Inneren.
Straight Edge bedeutet: Ich will nicht trinken. Ein trockener Alkoholiker weiß: Ich kann nicht trinken.
Die Verantwortung
Der eine trank. Der andere fing auf. Sie organisierte Termine, stellte für Ihn Anträge, beantwortete Briefe die ihn überforderten, Sie hörte stundenlang zu. Sie entschärfte Krisen, die er selbst erschaffte. Und bekam gleichzeitig zu hören, sie würde ihn nicht genug unterstützen. Nicht genug verstehen. Nicht genug bewundern. Die Verantwortung lag irgendwann fast komplett bei ihr. Mit der Zeit begann sie zu zweifeln. An sich. An ihrer Wahrnehmung. An ihrer Fähigkeit, eine Beziehung zu führen. Der Druck wurde so konstant, dass alte Themen wieder auftauchten, die sie längst hinter sich gelassen glaubte. Depression. Eine Essstörung aus früheren Jahren. Die Selbstzweifel wurden größer. Die eigene Wahrnehmung unsicher. Es dauerte lange, bis ihr klar wurde, dass ihr Körper auf etwas reagierte, das dauerhaft zu viel war. Das Erstaunliche passierte erst später - nach der Trennung. Alles stabilisierte sich wieder - nicht sofort aber Stück für Stück. Als würde ihr Leben erst einmal wieder Luft bekommen.
Vielleicht lebt er heute anders. Wenn das so ist, ist es gut für ihn.
Aber Beziehungen bestehen nicht nur aus dem, was heute ist. Sie bestehen aus allem, was war. Die gemeinsamen Erfahrungen liegen im Gestern. Und dieses Gestern hat Spuren hinterlassen. Über viele Jahre gab es immer wieder gute Tage. Gute Wochen. Manchmal sogar gute Monate. Und danach kam wieder ein Morgen, an dem alles zusammenbrach. Zu oft. Zu lange. Vertrauen wächst aus Erfahrungen. Und manchmal gibt es so viele Beweise dafür, dass auf ein gutes Heute ein schlechtes Morgen folgen kann, dass dieses Vertrauen irgendwann endgültig verloren geht. Dann ist die wichtigste Erkenntnis, dass Vergangenheit Vergangenheit bleibt. Und dass man das Heute und Morgen manchmal weit voneinander entfernt leben muss. und das es wunderbar ist.
Co-Abhängigkeit
Wenn du mit einem alkoholabhängigen Menschen lebst oder eng mit ihm verbunden bist, betrifft dich seine Sucht oft stärker, als dir vielleicht bewusst ist. Das bedeutet nicht, dass du für die Sucht verantwortlich bist. Es beschreibt eine Situation, in der du immer mehr Energie darauf verwendest, das Leben des anderen zu stabilisieren: du erklärst sein Verhalten, fängst Krisen auf, organisierst Dinge oder versuchst ständig zu verhindern, dass alles wieder eskaliert. Dein eigenes Leben rückt dabei oft immer weiter in den Hintergrund.
Typische Anzeichen können sein:
Du fühlst dich verantwortlich für die Stimmung oder das Verhalten des anderen.
Du versuchst Konflikte oder Abstürze zu verhindern.
Du entschuldigst sein Verhalten vor anderen.
Du hoffst immer wieder, dass sich diesmal wirklich etwas ändert.
Deine eigenen Bedürfnisse kommen kaum noch vor.
Der schwierigste, aber wichtigste Schritt ist eine Erkenntnis:
Du kannst einen anderen Menschen nicht retten.
Du bist nicht verantwortlich für das Leben eines anderen Menschen.
Komm raus!
Erkenne deine Situation
Der wichtigste Schritt ist zu merken, dass du selbst Teil einer belastenden Dynamik geworden bist.
Gib Verantwortung zurück
Der suchtkranke Mensch muss Verantwortung für sein eigenes Verhalten übernehmen. Du kannst ihn nicht kontrollieren - Hör auf es zu probieren.
Setze Grenzen
Grenzen sind kein Zeichen von Lieblosigkeit. Sie sind Selbstschutz.
Hol dir Unterstützung
Gespräche mit Beratungsstellen, Therapeuten oder Selbsthilfegruppen für Angehörige können enorm helfen.
Richte den Blick auf dein eigenes Leben
Viele Menschen müssen erst wieder lernen, ihre eigenen Bedürfnisse ernst zu nehmen. Erkenne deine eigenen Muster und wachse ❤️.


