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Das Weihnachtsgeschenk

  • Autorenbild: NATTY
    NATTY
  • 19. Aug. 2025
  • 8 Min. Lesezeit

Ein Weihnachten voller Hoffnung – und voller Enttäuschung

Kurz vor Weihnachten hatte mein Freund sich wieder einmal von mir und meinem Sohn distanziert. Er sagte, er fühle sich von mir nur noch genervt und brauchte eine Pause. Ich wusste nicht, wann oder ob er sich wieder melden würde. Meine Urlaubstage verstrichen, während ich immer wieder nachsah, ob er mich noch blockiert hatte oder ob ich wieder „existierte“.


Einen Tag vor Heiligabend meldete er sich dann doch. Er sagte, er würde zurückkommen – aber nur unter der Bedingung, dass ich nicht mit ihm diskutiere. Außerdem wollte er meinen Sohn und mich abholen, um gemeinsam Heiligabend bei seinen Eltern zu verbringen.


Ich mochte seine Eltern sehr. Jedes Mal, wenn ich dort war, hatte ich das Gefühl, dass sie sich ehrlich über meine Gesellschaft freuten. Meistens war es so, dass mein Freund nach dem Essen sofort aufstand, sich auf das Sofa legte oder ein Nickerchen machte, während seine Eltern und ich am Tisch sitzen blieben und uns unterhielten. Später, als mein Sohn dazukam, änderte sich das – nun saßen beide Jungs mit ihren Handys auf dem Sofa, während ich mit den Eltern sprach. Manchmal, wenn ich von etwas erzählte, das mir nicht gelungen war, etwa Abgrenzung am Arbeitsplatz, kam von ihm nur ein abfälliger Kommentar aus dem Hintergrund:"Guck, da sagt sie ja selbst, dass sie selbst schuld ist."Dann wurde weiter gezockt.

Trotz allem freute ich mich darauf, Weihnachten mit ihm zu verbringen. Ich hatte mich so nach einem Zeichen von ihm gesehnt, hatte gehofft, dass alles gut wird.

Die Fahrt – ein Moment der Angst

Er bestimmte genau, wann wir abfahrbereit vor der Tür stehen sollten. Mein Sohn ging zuerst hinaus. Ich wollte ihm eine kleine Überraschung bereiten, also bereitete ich in Windeseile die Geschenke unter dem Baum vor – ich hatte meinem Freund das vorher erzählt, ebenso wie das Geschenk, das ich für meinen Sohn besorgt hatte, was mir später vorgeworfen wurde.


Als ich nach draußen trat, begrüßte er mich mit einem für ihn untypischen, aber schönen Kommentar:"O la la, wo willst du denn noch hin? Mit Lippenstift? Aha."


Im Auto fragte er mich etwas – eine belanglose Frage, vielleicht wieder zu meiner Wohnung in Berlin, die ich aufgeben sollte. Er machte mir ständig Druck deswegen, weil er es für eine unnötige finanzielle Belastung hielt, während meine emotionalen Beweggründe für ihn „reiner Unsinn“ waren.


Ich begann zu antworten, sprach vielleicht etwas zu lange, als er mich plötzlich unterbrach:"Das habe ich nicht gefragt. Bist du zu dumm, um Fragen richtig zu beantworten?"

Ich war getroffen und sagte:"Ich bin nicht dumm und ich möchte nicht, dass du so mit mir redest."

Seine Antwort war ein einziger Schlag in die Magengrube:

"Halt einfach deine Fresse!"

Mein Sohn saß hinten. Ich sah ihn im Rückspiegel.

Ich wollte noch einmal ansetzen, vorsichtig mit einem "Aber..." – da hob er drohend die rechte Hand und brüllte:"Halt doch einfach deine dumme Fresse! Ich schmeiße dich gleich aus dem Auto!"

Seine Wut war laut, erschreckend, einschüchternd. Ich hatte Angst vor ihm.

Ich drehte mich zu meinem Sohn, meine Stimme leise, weinend:"Kannst du uns nach Hause fahren?"

Er lachte nur und fragte, ob ich „bekloppt“ sei.

Ich verstummte. Mein Sohn und ich tauschten stumme Blicke über den Rückspiegel aus. Dann fuhren wir eine halbe Stunde in eisiger Stille.


Als wir ankamen, tat er, als wäre nichts gewesen."Mäuschen, können wir uns jetzt wieder beruhigen? Ich hab dir gesagt, ich komme nur, wenn du nicht diskutierst. Ich mag auch nicht so sein, aber du nervst mich einfach so sehr."


Er nahm mich kurz in den Arm. Und dann begann das Schauspiel.

Bei seinen Eltern war es, wie es immer war: Ich führte die Gespräche, ich unterhielt mich mit ihnen, während er und mein Sohn auf dem Sofa saßen und auf ihre Bildschirme starrten.

Während ich das hier schreibe, macht es mich traurig, dass ich seine Familie wohl nie wiedersehen werde. Ich mochte sie. Auch seine Schwester, die ich im Jahr zuvor kennengelernt hatte, fand ich sehr nett.

Auf der Rückfahrt herrschte Stille.


Das Weihnachtsgeschenk – und der nächste Tiefschlag

Als wir nach Hause kamen, lagen die Geschenke unter dem Baum. Mein Freund setzte sich aufs Sofa, nahm sein Handy und scrollte.

Mein Sohn packte sein Geschenk aus – eine PlayStation, die er sich schon lange gewünscht hatte.  Mein Sohn freute sich – ein kleiner, schöner Moment. Mein Freund wusste davon. Doch anstatt sich mit meinem Sohn zu freuen, sagte er nur abwertend:"Na super. Dann wird es ja in der Schule noch schlechter. Ganz toll gemacht. Du hast echt so eine bekloppte Mutter."

Ich sagte zu meinem Sohn: "Lass dir deine Freude nicht nehmen." Dann erlaubte ich ihm, die PlayStation anzuschließen.

Doch ich wusste, dass ich das nicht einfach stehen lassen konnte. Ich sprach meinen Freund darauf an. Ruhig, aber bestimmt – schließlich ging es um meinen Sohn.

Seine Reaktion?

"Du hast sie ohne meine Zustimmung gekauft. Ich wusste es nicht mal. Du übergehst mich mit solchen Aktionen und schließt mich aus unserer ‚Familie‘ aus. Du denkst nicht mal über Konsequenzen nach! Dein Sohn hat es schwer in der Schule und du schenkst ihm sowas? Du bist eine verantwortungslose, unfähige Mutter!"

Ich versuchte mich zu verteidigen. Ich erklärte, dass es mein Geschenk an mein Kind war, mit meinem Geld. Dass ich die Hausaufgaben übernehme, die Nachhilfe organisiere. Dass er ja bereits eine Konsole hatte. Warum sollte ich das mit ihm absprechen?


Er zog sich die Schuhe an."Ich geh. Dann seht ihr mal, was ihr davon habt."

Ich flehte ihn an, zu bleiben. Ich stimmte ihm zu, versprach, dass ich in Zukunft alles absprechen würde. Ich tat alles, um ihn zu halten.

Er blieb. Aber nur unter der Bedingung, dass ich „endlich den Mund halte“.

Er schlief nicht in meinem Bett, sondern bei meinem Sohn im Zimmer.


Am nächsten Morgen – eine erneute Abweisung

Am Morgen war der Kühlschrank voll mit Frühstück, das ich für ihn/uns besorgt hatte - Allein frühstücke ich nicht und mein Sohn ist mein einem Müsli glücklich. Doch kein Frühstück, keine klärenden Worte nach dem schlimmen Abend - er hatte „dringend ins Büro“ zu fahren – obwohl Weihnachten war und er gar nicht arbeitete.

Ich wusste, er wollte einfach nicht mit uns frühstücken. ich fühlte mich bestraft und kommunizierte dies - das wäre mein Problem und würde daran liegen, dass ich ein Psycho sei.


Oft hatte ich den Tisch gedeckt, ihn eingeladen, ihn erwartet. Jedes Mal kam nur:"Ich habe dich ja nicht gezwungen, das alles für mich zu machen. Ich brauche das nicht. Ich kann auch gut und gern ohne euch frühstücken."

Bevor er ging, sagte er:"Ich brauche Zeit für mich. Erst an Silvester habe ich wieder Zeit."

Und dann war er weg.



Kann ich verstehen, dass du dich nicht trennen konntest?

Ja. Absolut.

Ich kann verstehen, dass du trotz all dem Schmerz, all der Abwertung, all der Kälte nicht gehen konntest. Dass du gehofft hast, dass es doch noch besser wird. Dass du dich an die schönen Momente geklammert hast. Dass du in ihm nicht nur den Menschen gesehen hast, der dich verletzt, sondern auch den, von dem du dir Liebe und Anerkennung gewünscht hast.


Denn so funktionieren toxische Beziehungen. Sie halten dich in einem Kreislauf aus Nähe und Zurückweisung, aus Hoffnung und Schmerz, aus kleinen liebevollen Momenten, die dich glauben lassen, dass es sich lohnt, zu bleiben – und dann aus Demütigungen, die dich wieder zweifeln lassen, ob du es wert bist, geliebt zu werden.

Es war nicht deine Schuld, dass du geblieben bist - und es ist auch in Okay, dass Du immernoch denkst, dass noch alles gut werden kann.



Ich weiß, dass du nicht einfach in dieser Beziehung geblieben bist, weil du naiv warst. Du bist geblieben, weil du geliebt hast. 

Weil du gehofft hast. Weil du dich nach Nähe und Wärme gesehnt hast. Und weil du dachtest, dass, wenn du nur liebevoll genug, geduldig genug, verständnisvoll genug wärst, alles wieder gut werden könnte.

Aber ich sehe auch, was er mit dir gemacht hat.


Er hat dich klein gemacht – so, dass du dich selbst nicht mehr erkannt hast.

Er hat dir Dinge gesagt, die niemand zu jemandem sagen sollte, den er liebt. „Bist du zu dumm, um eine Frage richtig zu beantworten?“ – Das war keine Kritik, das war eine Erniedrigung. „Halt deine dumme Fresse!“ – Das war keine hitzige Diskussion, das war verbale Gewalt. „Du bist eine unfähige Mutter.“ – Das war nicht seine Sorge um dein Kind, das war ein Stich in dein Herz, genau da, wo es am meisten weh tut.

Jedes dieser Worte hat dich ein kleines Stück mehr erschüttert.

Ein kleines Stück mehr zweifeln lassen. An dir. Und das war kein Zufall.


Er hat dich mit Strafe und Liebesentzug kontrolliert.

Er hat dich blockiert, dich ignoriert, dich dann wieder zu sich gezogen – aber immer nur unter seinen Bedingungen. Er hat entschieden, wann du „existierst“.

Er hat dich glauben lassen, dass du dankbar sein musst, dass er überhaupt zurückkommt.


Er hat dich nach einem Streit nicht getröstet, sondern bewusst noch mehr verunsichert.

"Ich brauche Zeit für mich – vielleicht Silvester." Damit du wartest. Damit du ihn nicht verlierst. Damit du dich ihm noch mehr unterordnest.


Er hat dein Bedürfnis nach Liebe als Schwäche dargestellt.

Du wolltest Liebe – er nannte dich anstrengend. Du wolltest Nähe – er machte dich zur Belastung. Du hast nach einer liebevollen Partnerschaft gesucht – und er ließ dich glauben, dass du dafür einfach zu viel bist.

Und das Schlimmste? Du hast ihm irgendwann geglaubt.


Er hat deine Freude sabotiert – und die deines Sohnes gleich mit.

Du hast deinem Kind einen Herzenswunsch erfüllt.Du hast dich darauf gefreut, seinen glücklichen Gesichtsausdruck zu sehen.Du hattest diesen Moment voller Liebe geschaffen.

Und er?

Er hat nicht mit euch gefeiert – er hat euch bestraft.

Er hat nicht mit eurem Sohn gelacht – er hat dich herabgesetzt.

„Na super. Dann wird es in der Schule ja noch schlechter. Ganz toll gemacht. Du hast echt so eine bekloppte Mutter.“ Er hat nicht nur dich verletzt, sondern auch dein Kind. Er hat einen unschuldigen, schönen Moment in Scham und Schuldgefühle verwandelt.

Das war kein normales Verhalten. Das war gezielte emotionale Kontrolle.

Hast du etwas falsch gemacht?

Nein.

Du hast nichts falsch gemacht, indem du gehofft hast.

Du hast nichts falsch gemacht, indem du ihn geliebt hast.

Du hast nichts falsch gemacht, indem du ihn halten wolltest.

Aber: Du hast dich selbst dabei verloren.


Und das ist es, was toxische Beziehungen tun. Sie ziehen dich langsam in einen Strudel, in dem du immer weniger von dir selbst erkennst. Wo du dich immer weiter anpasst, deine Bedürfnisse runterschraubst, deine Grenzen aufweichst. Wo du dich dabei erwischst, Dinge zu akzeptieren, die du niemals für möglich gehalten hättest.


Du hast alles gegeben, damit er bleibt.

Aber zu welchem Preis?

  • Du hast gelernt, dass du nichts mehr fordern darfst.

  • Du hast gelernt, dass du deine eigene Stimme unterdrücken musst, um nicht bestraft zu werden.

  • Du hast gelernt, dass du ihn auf keinen Fall verärgern darfst – weil sonst etwas Schlimmes passiert.


Warum konntest du dich nicht trennen?

Weil du geliebt hast. Weil du gehofft hast. Weil du dich an die wenigen liebevollen Momente geklammert hast, in denen du dachtest, dass er vielleicht doch anders sein kann.

Weil du nicht glauben konntest, dass jemand, der dir so nah ist, dir absichtlich so sehr wehtun würde.

Aber hier ist die Wahrheit:

Er hat dir nicht aus Versehen wehgetan. Er hat es nicht getan, weil er überfordert war. Er hat es nicht getan, weil es ihm selbst nicht gut ging.

Er hat es getan, weil es ihm Macht über dich gegeben hat.

Und du warst so voller Liebe, dass du es nicht sehen wolltest.


Was würde ich dir sagen, wenn du noch mittendrin wärst?

Du verdienst mehr. Eine Liebe, die dich nicht erstickt, sondern dich wachsen lässt. Eine Liebe, die nicht davon abhängt, ob du brav genug, leise genug oder unauffällig genug bist.

Du bist nicht zu empfindlich oder zu fordernd. Es ist nicht „normal“, dass jemand dich anschreit, beleidigt oder demütigt. Das ist nicht deine Schuld.

Es wird nicht besser. Toxische Beziehungen haben ein Muster. Und sie wiederholen sich. Jedes Mal mit einer neuen Verletzung. Jedes Mal mit einer neuen Enttäuschung. Und jedes Mal gibst du ein kleines Stück mehr von dir selbst auf. Und bei jeder Wiederholung wird es heißen, Du bist der Fehler!

Du darfst gehen. Du musst nicht auf den schlimmsten Moment warten, um zu wissen, dass es genug ist.

Du musst nicht erst völlig zerbrechen.





 
 
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